Ans Kap: Interview mit Jürgen Rinck über seine künstlerische Rad-Reise ans Nordkap

Jürgen Rinck auf seiner künsterischen Rad-Reise ans Nordkap.
FOTOS: © Jürgen Rinck

Beim Gezwitscher beim Kurznachrichtendienst Twitter erfährt man bekanntlich nicht nur, was auf unserem Globus gerade Aktuelles los ist, sondern man kann auch viele nette und interessante Menschen virtuell kennenlernen. Je nach Lust und Laune macht es Freude mit anderen Twitter-Usern über Gott und die Welt zu plaudern. Dabei erfährt man häufig spannende Dinge und es kommen im Laufe der Zeit mitunter sogar persönliche Begegnungen zustande.

Auf diesem Wege habe ich auch von Jürgen Rincks Projekt erfahren, oder besser gesagt von @irgendlink, wie er sich auf Twitter nennt. Seine geplante künstlerische Rad-Reise ans Nordkap fand auf Anhieb meine Begeisterung. Zu dem Zeitpunkt liefen Jürgens Vorbereitungen für den baldigen Start seiner Rad-Reise ans Kap auf Hochtouren. Am 15. Juni ging es dann auch schon los. Seine Route führte Jürgen sogar durch meinen Wohnort, aber leider hat es mit einem persönlichen Kennenlerntreffen so kurzfristig nicht geklappt. – Vielleicht beim nächsten Mal!

Auf jeden Fall entstand so bei mir die Idee für ein Interview.

Jürgen, stelle Dein Projekt doch bitte kurz selbst vor.

Seit 15. Juni radele ich Richtung Nordkap. Vom Startpunkt in meiner Heimatstadt Zweibrücken ging es 1200 Kilometer bis Rostock und bis zum heutigen Tag 6.8., insgesamt 3000 Kilometer bis Lycksele in Lappland.

Die Reise ist ein konzeptuelles Reisekunstprojekt mit permanenter Internetkommunikation. Über Twitter kann man täglich folgen. Im Blog http://irgendlink.de gibt es längere Reiseberichte und Fotos.

Vor zwanzig Jahren bist Du die gleiche Strecke schon einmal gefahren. Was waren Deine damaligen, was sind Deine heutigen Beweggründe? Reine Lust auf Abenteuer oder andere?

Die Beweggründe sind damals wie heute konzeptkünstlerischer Natur. 1995 hatte ich die Idee, eine bereiste Strecke mit regelmäßigen Fotos zu dokumentieren, wobei der Bildstandort zufällig gewählt ist, also nicht danach, ob es ein gutes Bild wird. Ich fotografierte auf den Weg Richtung Nordkap alle 10 Kilometer die Straße Richtung Ziel fluchtend und stellte diese Kunststraße im Dezember 1995 in der Galerie Walpodenstraße in Mainz aus.

Mittlerweile hat Google Streetview das Konzept längst kommerziell umgesetzt. Dennoch bleibe ich ihm seit 20 Jahren treu. Bei der jetzigen Revival-Tour setze ich intensiv Internetkommunikation ein, was ich mir damals nicht hätte vorstellen können. Auch was sich in Sachen Fototechnik und Fahrradtechnik getan hat, konnte ich mir nicht vorstellen.

Wieso fährst Du ausgerechnet ans Nordkap?

Ganz profan, weil es der nördlichste Punkt Europas ist und man wie närrisch als Mensch, als junger Mann wohl besonders, solche Landmarken "erobern" will. - Wir hatten 1995 unser Ziel nicht erreicht und flogen 212 Kilometer südlich ab Alta zurück.

Wie weit ist die Gesamtstrecke?

Damals waren es bis Kautokeino 3600 Kilometer (ab Mainz). Etwa 120 Kilometer fuhren wir per Bus nach Alta.

Heute stehen in Lycksele, wo ich diese Fragen im Zelt sitzend beantworte, 3010 Kilometer auf dem Tacho (ab Zweibrücken). Es werden zwischen 4100 und 4600 Kilometer werden, wenn ich das Ziel denn dieses Mal erreiche.

Mit Deinen Fotos dokumentierst Du Veränderungen auf der Strecke von damals zu heute. Was ist bisher am krassesten, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne?

Ich kann nichts Negatives sehen. Positiv ist, dass ich heute Deutschland fast ausschließlich auf Flussradwegen durchqueren konnte. Da hat sich sehr viel getan. Eine Karte war nicht nötig. Im GPS im Smartphone ist eine Radlerkarte enthalten, die einem dort, wo es keine Schilder gibt, weiterhilft (Open Cycle Map).

Das Strandbad von Gråträsk
Den Sverigeleden, den ich heuer in Schweden zu schätzen weiß, gab es wohl auch vor zwanzig Jahren schon, bloß haben wir ihn nicht kapiert. Die Infomöglichkeiten, die einem das Internet heute bietet, fehlten damals. Oft sahen wir die Schilder und wussten nicht, wohin der Weg führt, was uns viele tausend Kilometer auf relativ stark befahrenen Straßen einbrachte.

Bei der aktuellen Reise folge ich seit Südschweden fast nur den grünen Sverigeleden Schildern, die über sehr verkehrsarme Straßen führen.

Wo übernachtest Du? Im Zelt, wild zelten? Falls ja: Wie ist das für Dich nachts alleine in der Wildnis? Kommt hin und wieder auch mal Heimweh auf oder überwiegen Reiselust und Abenteuer?

Ich bin, wegen des geringen Budgets von etwa 2000 Euro für knapp 3 Monate, zum Zelten gezwungen. Bei schönem Wetter ist mir auch nichts lieber als das. Diese Stille. Einfach unbezahlbar. Gewaschen wird per Seebad. Das letzte hatte ich erst vorgestern.

Abenteuer und Reiselust sind natürlich ganz klar Triebfedern. Und Heimweh gibt es auch, aber von früheren Reisen weiß ich, damit umzugehen. Das beste Trostpflaster ist dabei die Kreativität und das Kunstprojekt, denn die Sache ist im Prinzip harte künstlerische Arbeit, die einem alles abverlangt, körperlich und psychisch. Texte schreiben sich nicht von alleine. Bilder knipsen sich nicht von selbst und verwaltet werden will das Projekt ja auch aus dem Schneidersitzbüro im Zelt. Kurzum: Die Arbeit lenkt besonders gut vom Heimweh ab.

Nach so einer weit geradelten Strecke, hast Du da jeden Abend fürchterlichen Muskelkater, tut Dir alles weh oder wie verhält sich das in Deinem Körper?

Die Beinmuskeln tun abends schon ein bisschen weh, aber es ist kein Muskelkater. Man gewöhnt sich erstaunlich schnell an die tägliche Radelstrapaze. Am nächsten Tag fühlt sichs wieder gut an.

Wie finanzierst Du Deine Reise?

Finanziert wird die Reise über Spenden, was zum Glück gut klappt. Reine Mundpropaganda und vermutlich überzeugt das interaktive Reisekunstprojekt durch sich selbst, so dass sogar wildfremde Menschen mitmachen, sei es, indem sie verlinken oder es weitersagen, indem sie folgen und kommentieren im Blog und auf Twitter.

Erstaunlich gut kommt ein Projekt im Projekt an, das auch zur Finanzierung beiträgt: Für 10 Euro kann man eine unikate Künstlerpostkarte erhalten (eine sogenannte iDogma-Karte). Sie wird mit Fotos von unterwegs auf dem Smartphone gestaltet und per App versendet. Ich selbst als Künstler kriege das Werk nie zu sehen oder anzufassen. Es materialisiert sich erst im Briefkasten der Kunstsammler und Sammlerinnen. Zwei "echte" Kunstsammler gehören zu den Förderern und etliche Menschen, die einfach Spaß an Postkarten haben oder das Projekt unterstützen wollen.

Von Glommersträsk nach Gråträsk

Kommst Du immer rechtzeitig an eine Energiequelle für Dein Smartphone und Dein Laptop?

Ich habe nur ein iPhone mit zum Arbeiten, sowie eine externe Bluetooth-Tastatur, deren Batterien aber ewig halten.

Das iPhone ist insbesondere bei Fotosessions schnell leer gespielt. Ein bis drei Akkuladungen pro Tag brauche ich. Am Fahrrad gibt es einen Nabendynamo und einen Laderegler mit Mini-USB-Anschluss, der das iPhone etwa 1,5-mal laden kann bei 100 km Radelstrecke. Außerdem habe ich eine 14 Watt Solarzelle dabei. Die ist bei Sonne so gut wie eine Steckdose, ohne Sonne eher mau. Für den ganz schlimmen Fall, tagelang bei Regen im Zelt sitzend, der zum Glück noch nicht eingetreten ist, gibt es noch eine Powerbank mit ca. 5 bis 6 iPhone-Ladungen.

Das mag jetzt dekadent klingen, aber ein Ziel der Reise ist, permanent online zu sein und vor allem in der Lage, auf dem Minicomputer zu arbeiten, das heißt, schreiben zu können und die künstlerische Arbeit zu erledigen, wie etwa Bildbearbeitung, Bildmontagen und Collagen.

Und zu guter Letzt: Ich habe im Laufe der Reisen ein untrügliches Gespür für Steckdosen entwickelt :-)

Was war Dein bisher schönstes Erlebnis? Nette Menschen, schöne Natur oder Tiere?

Das lässt sich schwer vereinzeln. Es ist die Gesamtheit der Reise mit ihren Aufs und Abs, die das Erlebte zu einem schönen Erlebnis machen.

Das erste Rentier, das Jürgen Rinck auf seiner Rad-Reise ans Nordkap gesichtet hat, heißt nun Mikäsch, da es ihm am Weltkatzentag über den Weg gelaufen ist.
Apropos Tiere: Besonders war dieses Rentier, das mir am Weltkatzentag vorm Zelt auf und ab lief, fast wie im Stundentakt eines Linienbusses. Ich hab es Mikäsch getauf, wegen des Katzentags.

Auf welchen Ort freust Du Dich am meisten?

Kürzlich fragte mich ein Radler, Maurice aus Lille, der am Nordkap war, wie lange ich dort bleiben würde. Eine großartige Frage, die sich wohl kaum jemand stellt, der dahin fährt.

Ich betrachte die gesamte Reise als mehrere tausend Kilometer langen Ort, auf den ich mich täglich neu freue. Es gibt vielleicht noch immer diese kleine hölzerne Sauna an einem See, die wir 1995 fanden und benutzen durften. Auf die freue ich mich besonders.

Was vermisst Du?

Das ganz normale Daheimsein und einen ruhigen Alltag ohne Überraschungen leben.

Herzlichen Dank, lieber Jürgen, für das interessante Interview mit Deinen persönlichen Reiseeindrücken und den schönen Fotos. Ich wünsche Dir weiterhin gute Reise!

Anmerkung der Redaktion:
FOTOS: © Jürgen Rinck
Das Interview entstand im Zeitraum vom 6. bis 9. August 2015.

4 Gedanken zu “Ans Kap: Interview mit Jürgen Rinck über seine künstlerische Rad-Reise ans Nordkap

    1. Maria Herzger

      Beitragsautor

      Gern geschehen, ihr beiden!
      Mir hat es auch gefallen das Interview zu machen
      und Jürgens Antworten finde ich interessant!

      Herzliche Grüße,
      Maria

      Antwort
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