Sponsoring im Gesundheitswesen – krankes System!

neue Medikamente sind häufig Schein-Innovationen
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Sponsoring im Gesundheitswesen ist keine Seltenheit, das ergaben Recherchen des ARD-Magazins Plusminus. Insbesondere werden Fortbildungen für Ärzte zunehmend von der Pharmaindustrie finanziert. Nicht selten entpuppen sich derartige „Fortbildungen“ als reinste Werbeveranstaltungen für neuentwickelte Medikamente, was jedoch für die Zuhörer in der Regel nicht als eine solche zu erkennen ist. Stattdessen wiegen sich die Mediziner in vermeintlicher Sicherheit der Objektivität der jeweiligen Veranstaltung. Allerdings sind die Referenten dazu verpflichtet mögliche Interessenskonflikte, wie sie beispielsweise durch intensive Verbindungen zur Pharmaindustrie gegeben sind, den Seminarteilnehmern offenkundig zu machen.

Kritiker des Systems ignorieren derartige Veranstaltungen konsequent und befürchten, dass die Auswirkungen der häufig praktizierten pharmafinanzierten Fortbildungen, den Patienten letztendlich sogar schaden könnten. Vielmehr bedarf es unabhängige Fortbildungsveranstaltungen, die wirksame Behandlungswege erarbeiten, die für die Patienten von wirklichem Nutzen sind und ihre Gesundheit fördern, fordert der Berliner Neurologie-Professor der Schloss-Park-Klinik, Thomas Lempert. Er tadelt unverblümt den negativen Einfluss auf das Gesundheitswesen durch die Pharmaindustrie. Professor Lempert befürchtet, dass bis zu 80 Prozent der Ärzte an pharmagesponserten Fortbildungsveranstaltungen teilnehmen.

Sponsoring durch die Pharmaindustrie

Anfragen von Plusminus bei allen 17 Landesärztekammern, wie viele von den rund 336.000 zertifizierten Weiterbildungsveranstaltungen von der Pharmaindustrie finanziert wurden, blieben weitestgehend unbeantwortet. Lediglich Hamburg, Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg Vorpommern sahen sich dazu veranlasst, darauf zu reagieren. Laut deren Auskunft sei der Anteil gering, allerdings Zahlen legte keine der betreffenden Landesärztekammern offen.

Die Gelder, die Pharmafirmen in derartige Fortbildungsveranstaltungen investieren, sind großzügig bemessen. Laut Angaben von Plusminus ist beispielsweise für die Jahrestagung der Deutschen Kardiologie-Gesellschaft über einer Million Euro und für die Neurologie-Woche sogar mit 1,9 Millionen an Sponsorengeldern, durch die Pharmaindustrie geflossen. Mittlerweile weiß man von Medikamenten, die vermutlich zu zahlreichen Todesfällen geführt haben, da erst im Nachhinein bekannt wurde, dass durch die Pharmabranche Informationen über erhebliche Gesundheitsrisiken zurückgehalten wurden.

Nutzen neuer Medikamente oft fraglich

Besorgte Kritik hagelt es auch von Wolf-Dieter Ludwig, dem Chef der Arzneimittelkommission der Ärzteschaft in Deutschland. Er verurteilt das Vorgehen zahlreicher Pharmafirmen, die Risiken und Nebenwirkungen zu ihren neuen Errungenschaften verschweigen und stattdessen deren Nutzen völlig einseitig darstellen. Die Wirksamkeit und die Sicherheit von neuen Medikamenten sind für die Arzneimittelkommission oft nicht erkennbar und somit sind mögliche Schäden für die Patienten nicht auszuschließen.

Die Aufgabe des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG), ist unter anderem die Überprüfung von neu entwickelten Medikamenten auf ihre Richtigkeit der Herstellerangaben und ob eine verbesserte Wirksamkeit tatsächlich gegeben ist. Der Leiter der Arzneimittelbewertung, Dr. Thomas Kaiser, führt an, dass viele Pharmafirmen die Ergebnisse ihrer Studien zu ihren Gunsten beschönigen. Demnach sind viele Neuerscheinungen völlig überflüssig. Über die Hälfte aller neu erscheinenden Medikamente sind sogar ohne jeglichen Zusatznutzen für die Patienten. Die Prüfer sprechen hierbei von Schein-Innovationen. Doch im Praxisalltag werden diese offenbar häufig verordnet.

Die Beliebtheit derartiger Arzneimittel führt Dr. Thomas Kaiser auf das aggressive Werbeverhalten der Pharmaindustrie bei Fortbildungen, auf Kongressen sowie in den Arztpraxen, zurück. Er führt an, dass es aussagekräftige Forschungsergebnisse gibt, die belegen, dass das Verschreibungsverhalten der Mediziner durch die offensive Marketingstrategie der Pharmaindustrie maßgeblich beeinflusst wird. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass neue Medikamente häufig nicht wirksamer als herkömmliche ältere Präparate, sondern zumeist um ein Vielfaches teurer sind. Der durch sogenannte Scheininnovationen entstehende finanzielle Schaden, wird von Experten auf rund 4 Milliarden Euro beziffert.

Das Patientenwohl ist nicht mehr vordergründig, vielmehr sahnt die Pharmaindustrie durch Sponsoring von Ärzte-Fortbildungen und strategischem Vermarkten ihrer Scheininnovationen, satte Gewinne ab. Die Gesundheit bleibt in diesem zunehmend von Sponsoring und Profit geprägten System, immer mehr auf der Strecke.

Quelle:
ARD Plusminus: Beeinflusste Ärzte
hr-Fernsehen - Alles Wissen: Aus alt mach neu - Neue Medikamente sind meist keine Innovationen

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